Dienstag, 28. Oktober 2014

London

Alle sind sie Londoner. Und ich bin es jetzt auch. Nach Hunderten Meilen in der Londoner U-Bahn darf ich mich so nennen. Den Titel kriegt nicht jeder. Nun ist er mein.

Am Anfang war ich nur ein einfacher Tourist. Ein Reisender, den man den zwei größten vorherrschenden Gruppierungen in London nicht so recht zuzuordnen wußte. Da sind zum Einen die Unscheinbaren, die sich ihrer Umgebung vollends angepasst haben. Ihr Kredo lautet: “Alles, nur nicht auffallen”. Der zweite Haufen ist das totale Gegenteil zur Anpassungsmasse. Die wollen gesehen werden. Knallige Klamotten, schrille Frisuren, ein lautes bzw. ein nicht zu überhörendes Wesen legt dieser Typ von Londoner an den Tag.

Und was verbindet die Menschen dieser zwei Kategorien miteinander?

In der Tube ist ein jeder für sich. Alleine! Es gibt quasi kein Miteinander. Keine zusammenhängende Gruppen- oder Paarbildung. Das zumindest war mein Eindruck. Es wurde auch nicht großartig geredet. Klar, der eine und andere labertierte oder quakte wild vor sich her und zuweilen auch mit sich selbst. Der gemeine Tuber jedoch lass still seine Zeitung, hörte Musik oder taktierte sein Smartphone. Und alle hatten sie ihre Stöpsel in den Ohren. Ein befremdlicher Anblick. Ich habe mir irgendwann einfach die Enden der Strippen meiner Kabutzenjacke in die meinen geklemmt, um mich zumindest optisch anzupassen. Da sitzt Du dann mit den Stricken in den Ohren und kämpfst gegen die Druckunterschiede in der Tube an. Das ist auch so eine Sache. Wirklich niemand außer mir schien diese Drucksprünge, wie man sie aus dem Flieger kennt, zu spüren.

Das unentwegte Knacken in den Ohren und das daraus resultierende schlechte Hörvermögen – es nervte einfach alles. Also entweder sind die Londoner allesamt eingeschworene Apnoetaucher oder sie verfügen über irgendeine Art Trick mit diesen Druckschwankungen umzugehen. Und so war es dann auch. Langgezogenes Gähnen, Kaugummi kauen oder das schlichte “Allesinsichhineinschlingen” sind des Tubers Lösungen. Der Druck weicht und die Qual hat ein Ende. Nebst den Schnüren in den Ohren, begann ich also die Vorräte aus meinem Rucksack wegzurationalisieren. Und so wurde ich zum Londoner. Mit Pseudo Stöpseln in den Muscheln und vollem Mund durch den Untergrund.

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